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Hörakustiker

Hörakustiker im Test – das sagt Stiftung Warentest

In Deutschland sind etwa 11 Millionen Menschen schwerhörig. Vier Millionen davon tragen ein HörgerĂ€t. Trotz der Hörhilfe klagen viele Betroffene weiterhin ĂŒber Probleme. Der Grund: ein schlecht eingestelltes HörgerĂ€t. 

Bei der Unterhaltung im CafĂ© ist es schwierig, dem GesprĂ€ch zu folgen – die anderen GĂ€ste sind einfach zu laut. Hinzu kommt das unertrĂ€gliche Brummen der Kaffeemaschine. 

Sie haben eine solche Situation schon mal erlebt? Keine Sorge: Sie sind nicht allein. Laut Stiftung Warentest klagt ein bedeutend großer Teil von Nutzern ĂŒber ein schlecht eingestelltes HörgerĂ€t.

Damit Sie beim Kauf eines HörgerĂ€tes viel Ärger, Geld und Zeit sparen, haben wir uns die Umfrage der Stiftung Warentest vom Oktober 2019 zum Thema Hörakustiker mal etwas genauer angeschaut.

Sie erfahren in diesem Artikel unter anderem, welche Hörakustiker den besten Kundenservice bieten, was die gesetzlichen Krankenkassen zahlen und wie Sie sich am besten auf den Termin beim Akustiker vorbereiten.

In der Stiftung Warentest Umfrage berichteten 1753 Teilnehmer von ihren Erfahrungen mit HörgerĂ€ten und den Leistungen von verschiedenen Hörakustikern. Ausgestattet mit diesem Basiswissen gehen Sie bestens vorbereitet in das ErstgesprĂ€ch mit einem Hörakustiker.

ServicewĂŒste in Deutschland: Hörakustiker enttĂ€uschen oft

Das Ergebnis der Umfrage von Stiftung Warentest: Ă€ußerst enttĂ€uschend. Knapp jeder Dritte ist unzufrieden mit ihrem HörgerĂ€t. Nur 68 % der Befragten sind zufrieden.


“Ich fĂŒhlte mich schlecht betreut und beraten. Der hochpreisige Verkauf stand im Vordergrund.” 

Umfrageteilnehmerin mit mittelgradiger Hörstörung, aber ohne HörgerÀt

Laut Stiftung Warentest ist eine kompetente Beratung der SchlĂŒssel zu einem guten Hörerlebnis. Die Zufriedenheit mit dem HörgerĂ€t selbst hĂ€ngt also nicht ausschließlich mit dessen QualitĂ€t zusammen, sondern auch von einer guten Betreuung des Hörakustikers.

Dieser sollte im besten Fall verschiedene Modelle vorstellen, Vor- und Nachteile transparent aufzeigen und die GerĂ€te bei Bedarf an die individuellen BedĂŒrfnisse des Kunden anpassen. 

Doch leider zeigen sich hinsichtlich des Service deutliche Unterschiede. Die Umfrage von Stiftung Warentest offenbart, dass der Großteil der Befragten unzufrieden mit der Beratung und der Preisgestaltung beim Hörakustiker ist.

Akustiker im Test: Welcher Hörakustiker bietet den besten Service?

In Deutschland gibt es eine Vielzahl von Hörakustikern. Gerade Filialen wie Amplifon, Fielmann, Geers und Kind wurden von den Befragten am hÀufigsten genannt. Aber welche Filiale schneidet am besten ab?

Kind und Geers schneiden bei der Stiftung Warentest mit 57 und 58 Prozent Zufriedenheit schlechter ab als Fielmann.

Fast drei Viertel der Kunden, die ihr HörgerĂ€t bei Fielmann erworben haben, sind laut Stiftung Warentest zufrieden. Auch aus preislicher Sicht ĂŒberzeugt Fielmann als gĂŒnstigster Anbieter.

Bei welchen Anbietern fallen die höchsten Zuzahlungen an?

Im Mittel bezahlten die Befragten 850 Euro pro GerĂ€t selbst. Nur knapp jeder 6. bekam das HörgerĂ€t gratis. Diese Tatsache ist unseres Erachtens erschreckend, da die gesetzlichen Krankenkassen HörgerĂ€te mit FestbetrĂ€gen bezuschussen und es zudem etliche zuzahlungsfreie GerĂ€te gibt. 

Jedoch sollten Sie folgendes beachten: Beim Hörakustiker sind Sie in erster Linie Kunde und nicht Patient. Daher sollten Sie besonderen Wert darauf legen, dem Akustiker Ihre WĂŒnsche und Ziele, die Sie mit einem HörgerĂ€t verbinden, mitzuteilen.

Stiftung Warentest ermittelte sehr unterschiedliche Werte, wenn es darum ging, was Kunden tatsÀchlich selbst zahlten. Bei dem Akustiker Geers wurden z. B. im Mittel 1.000 Euro pro GerÀt fÀllig. Bei Amplifon waren es 970 Euro und bei Kind 475 Euro.

Wie bereits erwĂ€hnt, war Fielmann hier die gĂŒnstigste Filiale: im Mittel wurden hier nur 10 Euro pro GerĂ€t zugezahlt.

Zuzahlungen zu einem HörgerÀt im Mittel (Teilnehmer n = 1753):

GeersAmplifonKindFielmann
1.000 €970 €475 €10 €

Quelle: Stiftung Warentest (2019)

Stiftung Warentest wollte in diesem Zuge wissen, wie es zu solch großen Unterschieden kommt und fragte nach. Fielmann teilte mit, dass mehr als 80 % der Kunden die Hörhilfe zum Nulltarif erhalten. Bei Kind sind es laut Angaben des Anbieters ĂŒber 70 %.

Geers und Amplifon nannten keine Zahlen.

Welche Kosten ĂŒbernehmen die gesetzlichen Krankenkassen?

Aber welche Kosten werden von den gesetzlichen Krankenkassen in Bezug auf ein HörgerĂ€t ĂŒberhaupt ĂŒbernommen? Die gesetzlichen Krankenkassen gewĂ€hren grundsĂ€tzlich ZuschĂŒsse fĂŒr HörgerĂ€te.

Hierbei gibt es gewisse FestbetrĂ€ge – diese liegen derzeit (Stand: 2019) bei 784,94 Euro pro HörgerĂ€t oder 1.412,89 Euro fĂŒr beide Ohren. An Taubheit grenzende Betroffene erhalten pro GerĂ€t 57 Euro und fĂŒr beide Ohren 102,60 Euro mehr. 

Um den Kassenzuschuss zu bekommen, muss der Patient dem Hörakustiker eine Verordnung vom HNO-Arzt vorlegen. Sollten Sie sich fĂŒr ein zuzahlungsfreies GerĂ€t entscheiden, mĂŒssen Sie dennoch mindestens 5 und höchstens 10 Euro pro GerĂ€t selbst zahlen.

Gut zu wissen: Hörakustiker sind dazu verpflichtet, gesetzlich Versicherten Hörhilfen ohne Zuzahlung anzubieten. Experten sind sich einig: diese reichen oft fĂŒr eine gute HörqualitĂ€t aus. Sie sollten daher unbedingt zuzahlungsfreie GerĂ€te testen, bevor Sie zu einem teureren GerĂ€t greifen.

Ist das zuzahlungsfreie GerĂ€t nicht ausreichend, um Ihren Hörverlust auszugleichen, muss unter UmstĂ€nden ein teureres HörgerĂ€t erworben werden. Auch hier sind Krankenkassen dazu verpflichtet die Kosten voll zu ĂŒbernehmen.

In diesem Fall mĂŒssen Sie einen Antrag auf Mehrkosten-Übernahme an Ihre Krankenkasse stellen. Dieser muss einen Kostenvoranschlag des Hörakustikers beinhalten. Sollte die Krankenkasse den Antrag ablehnen, können Sie Widerspruch einlegen.

Sie sehen sich mit einer solchen Situation konfrontiert? Weitere Informationen hierzu finden Sie auf der Webseite des Deutschen Schwerhörigenbunds.

KostenĂŒbernahme von Krankenkassen fĂŒr HörgerĂ€te

Preise sind abhÀngig vom Funktionsumfang

NatĂŒrlich gibt es auch bei HörgerĂ€ten verschiedenste AusfĂŒhrungen und Preissegmente. Die Preise differieren daher z. B. in AbhĂ€ngigkeit von der GrĂ¶ĂŸe, dem Design oder der verbauten Technik.

Bevorzugen Sie beispielsweise ein durch Akku betriebenes GerÀt und möchten auf Batterien verzichten, schlÀgt sich das im Preis nieder.

Norbert Böttges, VizeprÀsident des Deutschen Schwerhörigenbunds (DSB) versichert jedoch:

“Es gibt viele gĂŒnstige oder zuzahlungsfreie Hörsysteme mit mittleren Technologiestufen, die gutes Hören und Verstehen ermöglichen.”

Norbert Böttges, VizeprÀsident des Deutschen Schwerhörigenbunds (DSB)

Und trotzdem: die Umfrage von Stiftung Warentest zeigt, dass Betroffene im Mittel 850 Euro pro Ohr dazuzahlen.

Böttges rĂ€t in diesem Fall dazu, das HörgerĂ€t ausgiebig zu testen, um individuell festzustellen, ob eine Zusatzausstattung wirklich einen Vorteil bringt. 

Was Sie beim Kauf eines HörgerÀts beachten sollten

GrundsĂ€tzlich gilt: die teuerste und kleinste Hörhilfe ist nicht immer die beste Lösung. Gerade bei etwas Ă€lteren Patienten, die oft nicht mehr ĂŒber die beste Feinmotorik verfĂŒgen, können kleine GerĂ€te eher hinderlich sein.

Auch AkkugerĂ€te sind nicht immer die bessere Wahl: sie ersparen zwar den Batteriewechsel, mĂŒssen aber hĂ€ufiger geladen werden.

Es gibt also viele Faktoren, auf die Sie bei der Auswahl eines HörgerÀtes achten können. Wir möchten Ihnen 3 Tipps mit auf den Weg geben, damit Sie gut beim Kauf eines HörgerÀtes keine Fehler machen:

  1. Testen Sie mehrere GerÀte

    Leider gehen nicht alle Akustiker auf die BedĂŒrfnisse des Kunden ein. Laut Norbert Böttges bietet jedoch der Großteil mehrere ProbegerĂ€te zum Test an und lĂ€sst sich auch bei der individuellen Einstellung der GerĂ€te viel Zeit. Hierauf sollten auch Sie achten.

  2. Nehmen Sie sich Zeit

    Experten sind sich einig: bei der Auswahl eines HörgerÀtes sind Zeit und Geduld die wichtigsten Faktoren. Jedoch hat sich bei der Befragung von Stiftung Warentest gezeigt, dass 51 Prozent der Betroffenen maximal 2 GerÀte testen konnten.

    Tipp: Auch hier erzielte Fielmann das beste Ergebnis: mehr als die HÀlfte der Kunden bekam 3 GerÀte oder mehr zum Testen.

    Erschreckend ist, dass nur 49 % der Befragten ein KassengerĂ€t zum Test angeboten bekommen haben – obwohl gesetzlich Versicherte hierauf einen Anspruch haben.

    Daher sollten Sie sich und Ihrem Gehirn immer genĂŒgend Zeit lassen, um eine Gewöhnung an das GerĂ€t zuzulassen. 70 Prozent der Befragten hatte hierzu höchstens 3 Monate Zeit. Das ist laut Stiftung Warentest oft zu kurz, um die verschiedenen Alltagssituationen ausprobieren zu können.

  3. Ziehen Sie eine Neujustierung in Betracht

    Sollten Sie von Ihrem Hörerlebnis trotz HörgerÀt weiterhin enttÀuscht sein, kann sich eine Nachjustierung lohnen. 83 % der Befragten berichteten von einem verbesserten Hörerlebnis, nachdem sie eine Nachanpassung vornahmen.

Termin beim Akustiker – Wie Sie sich vorbereiten können

Laut Prof. Ulrich Hoppe, Leiter der audiologischen Abteilung der HNO-Klinik Erlangen, können Sie aktiv dazu beitragen, dass Ihr HörgerĂ€t Sie glĂŒcklich macht. Der Professor nennt hier 5 konkrete Schritte, die Sie selbst gehen können:

Benötigte Zeit: 180 Tage.

In 5 Schritten zum optimalen HörgerÀt

  1. Hörtagebuch fĂŒhren

    Notieren Sie sich regelmĂ€ĂŸig, in welchen Situationen Ihnen das Hören und Verstehen leicht oder schwer fĂ€llt. Hierdurch können Sie dem Akustiker eine sehr klare Erwartungshaltung vermitteln, sodass dieser Ihnen das optimale Produkt anbieten kann.
    Hörtagebuch schreiben

  2. So schnell wie möglich handeln

    Sobald Sie die Empfehlung fĂŒr eine Hörhilfe von Ihrem HNO-Arzt erhalten haben sollten Sie handeln und einen Akustiker aufsuchen. Je spĂ€ter Sie sich ein HörgerĂ€t anschaffen, desto schwieriger ist die Gewöhnungsphase. 

  3. Verwandten oder Freund zum Termin beim Akustiker mitnehmen

    Es ist sinnvoll eine weitere Person mit zum Akustiker zu nehmen. Betroffene tendieren nĂ€mlich dazu, Ihre HörschwĂ€che zu unterschĂ€tzen. Die Anwesenheit einer vertrauten Person hilft, Fragestellungen prĂ€zise zu erörtern und kann bei der Bewertung der einzelnen Produkte helfen. Hörtest beim HNO Arzt

  4. Mindestens 3 GerÀte testen

    Nach der technischen Grundanpassung des GerĂ€ts und der individuellen Feinanpassung an die HörbedĂŒrfnisse sollten Sie mindestens 3 GerĂ€te miteinander vergleichen. FĂŒr diesen Vergleich sollten Sie sich pro GerĂ€t circa 4 Wochen Zeit lassen. Hörgeräte Arten Modelle

  5. Hörtrainings absolvieren

    Das Tragen selbst ist zwar bereits ein sehr gutes Training fĂŒr das Gehör, jedoch schadet es nicht zusĂ€tzliche Hörtrainings zu absolvieren. Diese werden von Akustikern angeboten, sind aber auch Online verfĂŒgbar. Bei einem solchen Hörtraining wird die Hörverarbeitung im Gehirn aktiv trainiert. Schon 30 Minuten pro Tag können helfen.

Jan Becker, Tinnitus Selbsthilfe

Jan Becker

GrĂŒnder, Tinnitus Selbsthilfe

Herr Becker hat mit Hilfe von Hör-Experten und HNO-Ärzten alle wichtigen Informationen zu Tinnitus und anderen Hörschwierigkeiten auf diesem Portal aufbereitet.

Quellen und weitere Literatur

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